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Wann war das Problem eigentlich mal nicht da?
Wie Fragen nach Ausnahmen neue Lösungen sichtbar machen
„Ich kann einfach nicht Nein sagen.“
„Vor Präsentationen bin ich immer nervös.“
„Ich schiebe Entscheidungen ewig vor mir her.“
„In Konflikten ziehe ich mich sofort zurück.“
Wirklich immer?
Die Frage klingt zunächst fast ein bisschen kleinlich. Im Coaching kann sie jedoch einen wichtigen Unterschied machen. Denn häufig gibt es Situationen, in denen das, was sonst zuverlässig Schwierigkeiten bereitet, weniger ausgeprägt ist. Oder sogar ganz ausbleibt.
Genau um diese Momente geht es bei den sogenannten Fragen nach Ausnahmen.

Wenn es ausnahmsweise anders läuft
Als Ausnahmen gelten Situationen, in denen ein Problem eigentlich zu erwarten gewesen wäre, aber nicht aufgetreten ist. Dabei muss keineswegs gleich alles wunderbar gewesen sein. Auch ein Problem, das schwächer als sonst auftritt, zählt als Ausnahme. So hat jemand vielleicht eine Bitte abgelehnt, obwohl das sonst schwerfällt. Eine gefürchtete Präsentation lief erstaunlich ruhig. Eine Entscheidung wurde getroffen, ohne vorher sämtliche denkbaren Varianten mehrfach durchzuspielen. Solche Situationen gehen im Rückblick leicht unter. Schließlich beschäftigen uns meist die Dinge besonders intensiv, die nicht funktionieren. Im Coaching lohnt es sich deshalb, die gelungenen Momente genauer anzusehen.
Aus „immer“ wird „meistens“
Probleme kommen sprachlich gern mit großen Wörtern daher: immer, nie, jedes Mal. Wer überzeugt davon ist, „nie Nein sagen zu können“, erinnert sich vermutlich zuerst an all die Situationen, in denen genau das nicht gelungen ist. Die eine Situation, in der die Grenze erstaunlich klar gezogen wurde, passt weniger gut ins Bild. Für den Coachingprozess ist gerade sie aufschlussreich.
Wann war das zuletzt anders? Was war an diesem Tag oder in dieser Situation anders? Wer war dabei? Was ist vorher passiert? Und woran hätte eine nahestehende Person bemerkt, dass etwas anders lief? Mit solchen Fragen wird aus dem scheinbar eindeutigen „immer“ häufig ein etwas genaueres „meistens“. Und dazwischen tauchen erste Unterschiede auf.
Was war diesmal anders?
Ist eine Ausnahme gefunden, lohnt sich ein genauer Blick. Denn ein „Letzte Woche ging es irgendwie besser“ verrät noch nicht besonders viel. Was genau ist passiert? Wie hat sich die Person verhalten? Was hat sie anders gemacht? Welche Umstände waren anders als sonst? Die Unterschiede zwischen Problemzeiten und Ausnahmen werden im Tool als „Rohstoffe“ bezeichnet, mit denen Lösungen gebaut werden können. Das trifft den Gedanken ziemlich gut: Es muss nicht alles neu erfunden werden. Ein Teil dessen, was helfen könnte, ist möglicherweise längst vorhanden – bislang nur nicht besonders aufgefallen.
„Da hatte ich einfach einen guten Tag“
Natürlich kann eine Ausnahme Zufall sein. Vielleicht war der Terminkalender leerer, das Gegenüber ungewöhnlich entspannt oder die Präsentation fand ausgerechnet vor dem wohlwollendsten Publikum der Welt statt. Es kann aber auch einen eigenen Anteil geben. Deshalb wird im Coaching genauer erkundet, wie eine Ausnahme zustande gekommen ist. Was hat die Person selbst getan? Wie kam sie auf die Idee, es diesmal so zu machen?
Das Tool unterscheidet dabei zwischen zufälligen Ausnahmen und solchen, die durch das eigene Verhalten beeinflusst wurden. Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn wenn jemand erkennt, dass ein besserer Verlauf mit dem eigenen Handeln zusammenhing, wird daraus mehr als eine nette Erinnerung. Es entsteht ein konkreter Hinweis darauf, was erneut versucht werden könnte.
Wie lässt sich mehr davon erreichen?
Im nächsten Schritt geht es darum, die Ausnahme in die Zukunft zu verlängern. Eine Möglichkeit ist eine Skalierungsfrage: Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie wahrscheinlich ist es, dass eine solche Situation in nächster Zeit wieder eintritt? Noch hilfreicher wird die Antwort durch die nächste Frage: Was könnte die Wahrscheinlichkeit um einen Punkt erhöhen?
Das muss kein großer Vorsatz sein. Häufig sind es überschaubare Veränderungen: ein Gespräch vorher durchdenken, eine Grenze früher aussprechen, eine Entscheidung nicht noch eine weitere Runde drehen lassen oder sich an etwas erinnern, das beim letzten Mal geholfen hat. Aus einer einzelnen Ausnahme entsteht so eine Idee für den nächsten Versuch.
Das Problem kennt man meistens schon ziemlich gut
Wer mit einem Anliegen ins Coaching kommt, hat sich damit häufig schon ausführlich beschäftigt. Die schwierigen Situationen sind bekannt, ebenso die Gedanken und Gefühle, die damit verbunden sind. Fragen nach Ausnahmen ergänzen dieses Bild um Informationen, die leichter übersehen werden: vorhandene Ressourcen, hilfreiches Verhalten und erste Lösungsansätze, die bereits funktionieren. Das Problem verschwindet dadurch nicht. Aber das Bild davon wird vollständiger.
Neben all den Situationen, in denen etwas nicht klappt, stehen plötzlich auch jene, in denen es besser gelingt. Und manchmal beginnt Veränderung mit einer ziemlich unscheinbaren Frage: Wann war es eigentlich schon einmal anders?